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In seiner 15. «WoZ»-Kolumne vom 17. März 2004 führt José Maria den Begriff der Moderne vor – als einen Karneval der Tiere. Es treten auf: die Kunsthistoriker, die Hennen und Hähne, der Esel, die Schildkröten, die Kängurus, der Elefant, das Tigerfischchen, die Wesen mit den langen Ohren, der Kuckuck, die Vögel, die Pianisten und Schwan Panglos - nur die Fossilien wurden kurzfristig aus dem Programm gestrichen.

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Kolumne «Im Bild»

Während vier Jahren publiziert die Schweizer «Wochenzeitung» («WoZ») in ihrer Rubrik mit dem Titel «Im Bild» in regelmässigen Abständen auch Beiträge von José Maria – Kolumnen zu diversen Themen der Kunst und des Lebens. Marias erste Kolumne erscheint am 26. September 2002 – sein letzter Beitrag am 9. November 2006

 

Die 15. Kolumne als PDF

Stichworte zu allen 25 Beiträgen von José Maria in der «WoZ»

 1. Kritiker und Künstler

 2. Die Abenteuer von Monsieur M

 3. Fiktion - wenn Godzilla kommt

 4. Im Nikotin-Museum

 5. Der «eigene Blick»

 6. Das Kunst-Mehrwerttheater

 7. Richtige Kunst

 8. Raumspezifische Kunst

 9. Begegnung mit Sitara

10. Religion und Kunst

11. Langeweile in Ausstellungen

12. Gruwes – das Literaturlexikon

13. Allein im «Sunset Diner»

14. Mit Tante Lucie im Regenwald

  15. Moderne – Karneval der Tiere

16. Der Schweineporträtist

17. Der Forscher Omère Lacanne

18. Das Geheimnis der Dose

19. Ein Opfer der Hormone

20. Im Nachtzug durch Indien

21. Das Rätsel der Hühner-Pfeife

22. Die magische Frucht

23. Das Eisenbahn-Museum

24. Auf der Suche nach Bordeaux

25. Auch eine Kunstkritik

Weiterführende Links

Mehr über José Maria

 

José Maria – «Im Bild» 15

«Der Karneval der Moderne»

Es gibt ziemlich einfache Fragen – zum Beispiel: Wie heisst die Hauptstadt von Italien? Wer erfand das Schiesspulver? Wo liegt der Nordpol? Was ist der glykämische Index? Wann wird alles besser? Warum leben wir? etc. etc. Und dann gibt es da auch ein paar ziemlich knifflige Probleme – zum Beispiel die totale Killerfrage: Was ist modern? Oder noch gemeiner: Was bedeutet modern in der Kunst? Betretenes Schweigen. Gekicher in den hinteren Rängen – vorne suchen die Augen verzweifelt Halt an den Fugen im Parkett. – Doch dann tritt Bildung Huber auf, seines Zeichens Direktor dieses Theaters. Er lächelt. Er klatscht in die Hände. Der Vorhang hebt sich. Der Karneval der Antworten beginnt.

Der Künstler, der die Welt verändern kann

Mit schwerer Pranke schieben sich zuerst die Kunsthistoriker auf die Bühne. «Modern ist, was mit den realistisch-illusionistischen Traditionen der akademischen Kunst des 19. Jahrhunderts gebrochen hat», deklarieren sie und fahren sich dabei mit königlicher Geste durch die imaginäre Mähne. «Modern ist, was sich von der äusseren Erscheinung der Dinge befreit hat und nur noch den subjektiven Ausdruck sucht». - Alsdann gackern Hennen und Hähne herein. «Modern», so glucksen die Hennen, «modern ist, wenn die Form der Funktion folgt, so wie beim Ei». «Nein, ihr dummen Hühner, euch fehlt der Blick für das Wesentliche. Modern ist der Künstler, der die Welt verändern kann», korrigiert der Chef der Hähne: «So wie ich: Wenn ich krähe, dann geht die Sonne auf». – Launisch wie immer tritt nun der Esel ein: «Modern, vor sich hin, so etwas kenne ich aus meinem Eisschrank, modern modern», wiehert er und entblösst dabei lustvoll seine faulenden Zähne: «Modern ist, wenn man trotzdem lacht». – «Geschwindigkeit», so meinen die Schildkröten und nicken in Einigkeit, «modern ist, was sich mit der Erfahrung der Geschwindigkeit auseinandersetzt – oder?». Lange schauen sie sich an. «Das Kino das Kino, das Kino», brüllen die Kängurus hinter der Bühne und hüpfen dazu wild umher – doch sie sind erst später dran.

Selbsterfindung ist angesagt

Zuerst tritt nun der Elefant auf und bringt, kraft seiner immensen Gehirnmasse, die historische Perspektive ein: «Das Moderne ist immer entweder das Gegenwärtige gegenüber dem Vorherigen oder das als solches verstandene Neue, das dem als alt, veraltet, überlebt Begriffenen entgegengesetzt wird», doziert der Riese und wackelt mit den Ohren: «Ob es sich allerdings dabei jedes Mal um das definitiv Neue bzw. Abgelebte handelt, stellt sich meist erst später heraus». – «Das Kino das Kino, das Kino» – das waren jetzt die Kängurus. – Nun schieben die Tierwärter ein Aquarium auf die Bühne, in dem ein getigertes Fischchen nervös hin und her schwimmt: Es redet und redet, dass Blasen aufsteigen, gestikuliert mit allen Flossen und reisst bedeutungsvoll die Augen auf. Allein ausserhalb des Glases ist kein Ton zu vernehmen, weshalb das Aquarium schliesslich wieder abgeräumt wird. – Das war Kapitän Enigma», kichert eines der Wesen mit den langen Ohren: «Wie sie sehen, heisst Moderne für uns Innovation durch irritierende Signale: Selbsterfindung ist angesagt.» – «Zum Kuckuck» meint der Kuckuck: «Moderne heisst doch technische Reproduzierbarkeit». Und zum Kuckuck: «Kuck kuck Kuckuck zum Kuckuck – Schluck».

Ein schrecklich gutes Gefühl

Helle Aufregung im Vogelhaus der Postmodernen. Kein Spatz weiss, was er vom Dach pfeifen soll - aber alle zwitschern wild drauflos. Die Finken haben sich als Diskursführer etabliert, doch sind es die Elstern, die endgültig für Panik sorgen: Denn sie haben es bereits im Gefieder gespürt, die heranbrausende Tsunami-Welle der zweiten Moderne. - Nur, der sich für das schönste aller Vöglein hält, der Beau de l'air, sitzt nach wie vor verträumt auf seinem Ast, schaut zum Mond hinauf und sinniert in verliebtem Singsang vor sich: «Ach ja, ach ja, die Modernité, das ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige, das ist die eine Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unabänderliche ist». – «Jeder ist ein Künstler, jeder ist ein Künstler», skandieren nun die Pianisten und haben offenbar noch nicht verstanden, dass ihr Spiel längst aus ist. – Die Fossilien wurden kurzfristig aus dem Programm gestrichen. - Nur Schwan Panglos nimmt alles federleicht. Majestätisch stellt er die Flügel auf und lässt sich von einer sanften Brise über den künstlichen Weiher treiben: «Modern heisst doch einfach, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Und ist das nicht ein schrecklich gutes Gefühl?»

Dieser Text von José Maria wurde erstmals publiziert in: «Die Wochenzeitung», 17. März 2005, Nr. 11 / S. 19.

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Eine einfache Frage: Was ist der glykämische Index?

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Vormals PJ085

Erste Publikation:März 2005
Neue Publikation: 25. März 2009
Letzte Modifikation: 25. März 2009
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