"ÜBRIGENS WIRD DER MARKT
DIE GERECHTIGKEIT WIEDER HERSTELLEN."


Ausspruch von Canaviello (Präsident des italienischen Galeristenverbandes), der mit der Künstlerauswahl Jean Clairs für die Biennale Venedig 1995 nicht zufrieden war.



Der Revisionist

Kunst ist Kunst
und alles andere ist alles andere
Ad Reinhardt

Jeder Mensch ein Künstler

Joseph Beuys

Dieser Text wurde zum Anlass einer Ausstellung von Künstlern und
Künstlerinnen geschrieben, die in einer mittelländischen Schweizerstadt
unter einem Dach arbeiten. Die geographische Ebene ist heute zu schwach,
um einen Rahmen sprachlicher Authentizität zu ermöglichen. Was scheint
heute exotischer zu sein als Heimat, was befremdlicher als ein zum
drittenmal hingeworfener, achtloser Satz in der Muttersprache. Es gibt
keine lokalen Szenen. Die Ähnlichkeit der Art und Weise, wie wir uns von
einander unterscheiden, projiziert sich aus den Wertsetzungen westlicher
Kunst und unseren persönlichen (Miss)Verständnissen derselben auf diesen
Ort zurück und spiegelt gerade so das Provinzielle.

G L O B A L K O L O R I T

Ich denke, dass gerade der Provinzbegriff sich heute virtualisieren will.
Das "Globale Dorf" westlicher Sprachregelung hat ja mit der klassischen
Vorstellung von Urbanität und Zentrum auch nichts mehr am Hut.
Da ist die Reibung, dort die Kommunikation, hier bin ich, ich halte mich
fest am Terminal meines abgekauten Zeichenstifts und die gute, alte
Landschaft steht im Fenster.
Hier beschreib ich (mich als) den Künstler. Der Künstler ist auch schon
eine Kunstfigur. Die Grenzen der Systeme gehen schon mitten durch den
Kopf.
Weil mein Künstler ein Mann und mein Text ein wenig altmodisch, all-
gemein ist, brauche ich den männlichen Artikel. Ich spreche nur vom
Bildenden Künstler.
Meine Perspektive ist die eines Frosches. Er träumt zwar, er wär ein
Vogel - und bekommt gerade so nasse Füsse.


A U C H . K Ü N S T L E R . L Ä C H E L N . I N S . T E L E P H O N


Das Wort "Künstler" bezeichnet einfach einen Beruf.
Mir liegt daran, darauf zu beharren, dass wer sich vielleicht zögernd
so nennt, auch schon Künstler ist. Aber dann hat er das Geschenk und
keine Ausrede ist mehr gut genug. Es handelt sich also um nichts als um
einen Anspruch, und der definiert sich nicht über gesellschaftliche
Akzeptanz, Qualität oder Können.

Al Hansen sagte: Being artist is like being born with one leg. Man muss
sich zu helfen wissen wegen eines Mangels. Man kann nicht glatt und
gläubig in den gegebenen Strukturen funktionieren, muss über Selbst-
verständliches stolpern.
Verhält sich also der Künstler zum Menschen wie der Mensch
(mit seiner verletzlich langen, entscheidungsunfähigen Kindheit) als
zukurzgekommener Affe zu diesem? Dieser Vergleich stolpert nicht nur,
er hinkt.
Die Erfolgsstory der Künste wird zwar ähnlich der Erfolgsstory des
Menschen mythisiert, doch hat sie mit der Lage auch des erfolgreichen
Künstlers herzlich wenig zu tun. Zumindest heute ist er kein Modell von
etwas Zukünftigem und war es vielleicht nie. Was er tut, ist: er re-agiert,
er kommt immer erst als zweiter und stolpert. Aber wie er stolpert!
Franz Kafka hat darüber (über eine Maus, die Kunst pfeift) eine
Geschichte geschrieben, vielleicht kennen Sie die.