| Seite 4 |
|  |
Kunst mag ein kulturelles
Zeugnis sein, aber der Künstler ist zuerst
einmal ein soziologisches Phänomen.
In den westlichen Wohlstandsgesellschaften wimmelt es geradezu
von Künstlern, man spürt nur sehr wenig davon, dass es sie gibt.
Der Andrang an die Kunsthochschulen ist immens gewachsen.
Wo zu meiner Zeit noch 50% der Bewerber aufgenommen werden konnten, sind
es heute weniger als 10%. Statistiken zeigen die kleinen Aussichten auf
eine
spätere Karriere oder auf eine auch nur minime finanzielle Lebensbasis.
Doch das schreckt den Künstler nicht. Wird er durch seinen Anspruch
fantasielos, gebannt, wie früher das Heiligmässige den Priesternovizen
in seinen Bann gezogen hat?
Doch der heute gross beschworene Regulator von
allem und jedem, der Markt, schafft es nicht wirklich, die Anzahl der Künstler
zu verringern. Er hält die Ressourcen knapp. Man könnte sich ja
auch einen Riesenmarkt mit Billigware vorstellen ("schöner, besser,
billiger").
Aber so wird nicht gespielt. Denn Kunst ist nicht einfach Kunst.
Jede kleine Galerie muss die Latte hochsetzen, um ernstgenommen zu werden.
Wenn ich meine Zeichnungen schlecht verkaufe und die Preise herabsetze,
mache ich mich zwar bei früheren Käufern und Galeristen unbeliebt,
bleib aber doch auf den Zeichnungen sitzen.
In der Kunst der frühen 80er Jahre mag ein befreiender Aufbruch gegen
kontrollierte Kopflastigkeit stattgefunden haben, aber die neue "Sinnlichkeit"
hat zu einem quantitativen, akkumulativen Produktionsbegriff zurückgeführt.
Die Menge der Werke soll für das Quantum der geleisteten Arbeit
stehen. Künstlerische Arbeit könnte aber auch ein lauerndes Tasten
sein.
Ich denke immer noch, dass Philosophie als Denken
über das Denken und Kunst als Arbeit über Arbeit interessant wird.
Das ganze Professionalismusgetue der Künstler ist bestenfalls eine
Art Mimikry,
um gedeckt besser operieren zu können.
Worauf ich hinaus will ist, dass es heute nicht nur jede Menge Künstler
gibt, sondern auch und noch vielmehr jede Menge Kunst, die niemand sehen
will, nicht einmal die Künstler selber, weil sie neue Sachen machen
müssen. Diese Kunst wird wie Leichen im Keller versteckt, gestapelt,
verstaut. Wie kann man sie wieder aus der Welt schaffen, recyclen?
Interessant wäre es, wenn man sie auf einen Haufen zu einem Gebilde
zusammentragen
würde: das Werk als Rohstoff, das Bild als Wand für das nächste
Bild, als Baustein eines Museums, wiederum nur für es selbst und seinesgleichen.
Die Künstler als Menge sind selbst zu einem Zielpublikum geworden.
Ich bekomme Briefe mit beeindruckendem Briefkopf und internationaler Adresse.
Sie enthalten Einladungen zur Teilnahme an Ausstellungen
oder Kunstkartenkollektionen. Unter "who is who in international art"
steht: "Sie wurden ausgewählt, zur engeren Gruppe der "grands
et nouveaux artistes" zu gehören, die von uns vorgestellt werden.
Im Kleingedruckten steht dann vielleicht, wieviel der Spass kostet.
Daraus schliesst sich, dass von der Intelligenz der Künstler sehr wenig,
von ihrer Eitelkeit aber sehr viel gehalten wird.
|