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Es gibt die Gegenwartskunst, die Kunst der 70er, 80er, 90er Jahre. Jede
Gegenwartskunst führt zu Ratlosigkeit. Der Betrachter muss seine Gedanken
neu fassen, seine Gefühle neu überprüfen. Manchmal ist diese
Erfahrung wie die Erfüllung eines Wunsches, wie die Antwort, die man
suchte oder nicht erkannte, in den stärksten Fällen nicht einmal
das. "Gut oder schlecht" helfen nicht weiter, aber die Ruhe ist
dahin, bis die Haltung hinter der Missachtung gängiger Wertlegungen
entdeckt ist. Die Bedeutung der Gegenwartskunst liegt gerade nicht darin, dass
sie zeigt, wie es wirklich ist und früher war es falsch. Das wäre
dann nur ihre Naivität und ihr vorweggenommenes Ende. Sie befreit,
weil sie abhängig bleibt von einem öffentlichen Diskurs künstlerischer
Sprachregelungen, indem sie sagt: aber gerade so nicht. Sie re-agiert.
Diese Veränderung geht in Sprüngen. Wenn ein Sprung erfolgt ist,
vertreten durch eine übersichtliche, nicht mehr erweiterbare Anzahl
von Namen, beginnt die Gegenwartskunst sich selbst als Sprachregelung zu
repräsentieren.
Die Anreihung dieser Sprünge von einer Gegenwartskunst zur andern unterliegt
einem simplen Hinundher. Wenn zu lange geschrieen wurde: aber das kann man
nun mal nicht machen, zeigt sich dieses "das" nächstens, aber
irgendwie anders, als Entdeckung.
Daher gleicht eine neue Position oberflächlich einer vorvorigen. Die
Kunst nach den Neuen Wilden muss sich gegen den Konzeptualismus verteidigen,
und Tiravanija muss beteuern, dass das eben nicht Fluxus ist, was er macht.

Der Soziologe Niklas Luhmann hat versucht, den Kunstbetrieb zu beschreiben.
Er funktioniert als Subsystem der Gesellschaft neben anderen Subsystemen
(wie zum Beispiel der Wirtschaft), diesen vergleichbar nach ähnlichen Kriterien,
aber er bestimmt und reproduziert sich selbst aus sich heraus. Kunst kann nicht
mehr verstanden werden als Wachstumssaum von Kultur allgemein.

KÜNSTLERZOO IN DER FREIEN WILDBAHN DER NORMALITÄT?

Nur durch das Kunstsystem kann sich Kunst als bestimmter Vollzug gesellschaftlicher
Kommunikation überhaupt ereignen. Ihre Formen können nur noch
aufgefasst werden als Unterscheidung an einer systemimmanenten Grenze, wo
Redundanz, Abweichung, Ungewissheit, Indifferenz immer neu festgelegt werden
müssen. Das Kunstsystem konstituiert sich durch seine eigene Theorie
und Praxis. Diese müssen sich immer neu ausdifferenzieren. Der Künstler ist
ein Äquilibrist. Alles ist möglich, aber nichts geht mehr.
Die Botschaft macht nur Sinn, wenn sie auch Ablehnungsbegriffe mit sich führt. Das
Werk wird zu einem Schritt, der gleich schon nach dem nächsten ruft,
nicht auf Dauer hin angelegt sein kann. Dauer erreicht es nur als Dokument,
als Spur des Schritts.
Kunst gibt sich heute hilflos gegenüber ihrer Umwandlung in einen Warenwert
und dessen Eigendynamik. Sie könnte sich entziehen durch Selbstauflösung.
Da ist es doch schlauer, sie spielt mit, aber nur noch als Dokument.
Die Betonung von Wirkung gegenüber Produktion, zeigt den Künstler
auch schon als arbeitsteiligen Dienstleister, der im Kooperativ mit Kurator,
Theoretiker, Sponsor und Galerist Kunst ermöglicht. Das Kooperativ
ist auch schon ein entscheidendes Publikum, ein erstes Publikum als Komplize.