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Das breite Publikum kann nicht über Gegenwartskunst entscheiden, wie es nicht über neue wissenschaftliche Erkenntnisse entscheiden kann. Galeristen haben manchmal mehr geleistet für die Kunst als Künstler und trotzdem mussten sie nicht Künstler werden und trotzdem sind Künstler nicht überflüssig geworden. Werke sind nichts ohne Ausstellung, ohne Ausstellung zur rechten Zeit am rechten Ort. Die Ausstellung selbst wird zum Werk und bleibt doch manchmal nur als Merkzeichen ihres Kataloges. Dieses System repräsentiert Macht. In Anlehnung an ein Zitat aus dem Müll der Geschichte könnte man fast gruselig korrekt sagen: Nur ein berühmter Künstler ist ein guter Künstler. Wenn ich andersrum folgern würde, wäre das aber ein wenig sehr brav. Wenn ich mir keinen Namen mache, mache ich mir einen Namen als einer, der sich keinen gemacht hat. Wären alle Werke Kabakovs auf dem Dachboden vermodert, wäre er dann trotzdem der grosse Künstler gewesen, der er heute sein darf? Luhmanns Konstruktion will das Funktionieren von Kunst und Künstler zeigen, ohne ihrem Charme zu erliegen, ohne den Freiheitsbegriff überzustrapazieren. Die Freiheit liegt in der entscheidenden Autonomie des Kunstsystems durch Einschränkung. Er sagt, ein nochmaliges Überbieten dieser Entwicklung zur Freiheit ist nicht in Sicht. Die Theorie lädt aber ein, sie zu zerpflücken. Zu interessant ist neben der inneren Grenze des Systems dessen äussere Grenze. Denkwürdige Handlungsrahmen sind in der Globalisierungsgesellschaft verflucht kurzfristig und Horizonte eng (an Stelle der Ideologien tritt das monumentalisierte, totale Detail). Das führt auch in der Gegenwartskunst zu immer schnelleren Wechseln. Sie funktioniert im Augenblick ihres ersten Erscheinens am besten und erzählt, auch wenn ihre breitere Rezeption verzögert erfolgen mag, bald auch schon nur noch ihre Geschichte, und sie wird Geschichte. Die nächste Generation lauert in den Startlöchern. Daher gibt es auch so viele erwachsene Heintjes, die als Untote vielleicht zwar ihren Schnitt machen dürfen, aber keine grossen Sprünge mehr. Die flexible Figur, die sich durch alle Zeitgeiste durchlaviert und gerade als Nicht- Opportunist deren unschädlichen Hülsencharakter demonstriert, ist nicht gefragt. Hier gilt immer noch, der schwitzende Hase gewinnt das Rennen und nicht der Igel (Igel). Wenn ich lese, wie Tiravanija mehrmals in ein paar Monaten um die halbe Welt jetten muss, denke ich mir, dass sich mancher der Untoten für eine solche Fortsetzung bedanken würde. "Jawohl, damals bin ich mit einem kleinen Sportflugzeug über den Eisernen Vorhang geflogen, direkt auf den Roten Platz." Aber was jetzt? Hokusai hat gesagt, richtig gut werde man erst ab 70. Na ja. DABEI HATTE ALLES GANZ ANDERS ANGEFANGEN. |