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Als Gegenwartskünstler will ich einen bezeichnen, der Geschichte macht
in welchem Rahmen auch immer. Aber da sind auch die anderen, die vom
Kunstsystem vielleicht einmal flüchtig gestreift wurden, entweder nicht
hinein wollten oder konnten oder völlig vergessen haben, sich die entsprechende
Frage zu stellen. Böse füge ich noch diejenigen dazu, die schon lange darauf
warten, dass sie entdeckt werden.
Aus dem Inneren des Kunstsystems werden diese anderen kaum wahrgenommen
oder nur als Mindere Meister. Dagegen möchte ich mich höflich verwahren.
Um sie von den Gegenwartskünstlern zu unterscheiden, nenne ich sie die
Wi(e)derwartskünstler.
Nicht, dass sie widerwärtig wären, auch wenn ihnen der Ruch
der Widerwärtigkeit noch mehr anhaftet als den Gegenwartskünstlern
und ihnen wiederum widerwärtig sein muss, wenn sie zu oft gefragt
werden: Künstler? Und was machen Sie sonst? Tatsächlich verdienen
auch viele ihr Geld anderswärtig. Widerwart ist dasselbe wie Gegenwart,
nur sperriger, und dauert daher auch eine Spur länger. Widerwart bezeichnet
die Gegenwart sogar noch besser als die sich selbst bezeichnet, weil sie gerade
im richtigen Moment so oft das Falsche zu tun zwingt.

Gegenwartskunst muss manchmal schlecht sein wollen, Widerwartskünstler
wollen das eher nicht, auch wenn es die unguten gibt. Wie ich früher
beschrieben habe, greifen "gut und schlecht" in der Entstehungsphase
von Gegenwartskunst vielleicht zu kurz, ein guter Widerwartskünstler
kann aber sehr bewundernswert sein. Das "Ferner liefen" gibt es
vielleicht eher in der Gegenwartskunst. Selbstbetrug gibt es vermutlich
beiderorts, nur fällt er in der Widerwartskunst mehr ins Gewicht. Aber
es gibt da auch solche, die sind in aller Unschuld schlecht und beschämen
den Betrachter.
Ein Gegenwartskünstler könnte berühmt aber nicht bekannt
sein, ein Widerwartskünstler bekannt aber nicht berühmt.
Widerwartskunst ist als Fundus für Gegenwartskunst problematisch und
leistet nicht deren Basisarbeit.
Gegenwartskunst blickt manchmal fasziniert auf den Bastler, sie entlehnt
populäre Ästhetiken. Widerwartskunst könnte zu Art Brut neigen.
Gegenwartskunst tut sich äusserst schwer damit, nicht als Salonkunst
zu enden (trotz allen gegenseitigen Anstrengungen), Widerwartskunst muss
sich mit so grundlegenden Fragen abfinden, wie zum Beispiel, ob ein Werk zu den
Vorhängen passt.
Der Widerwartskünstler blickt vielleicht fasziniert aufs Kunstsystem
wie ein Heide auf die Kirche und verwandelt dessen Liturgie
in einen Hokuspokus.
Ich bin hier also interessiert, zumindest so zu tun, als ob Gegenwartskunst
und Widerwartskunst als Aktionsfelder ganz getrennt wären.
Wie ich beschrieben habe, hangelt sich Gegenwartskunst in
Zickzackbewegungen diachron einer
Diskussion entlang, sie unterliegt der Fortschrittsidee, um überhaupt
Aussagen möglich zu machen, nicht immer bessere Kunst. Doch selbst
der fortgeschrittenste Widerwartskünstler bleibt immer auf der Strecke.
Widerwartskunst steht für synchrone Vielfalt, sie taucht in ein weites Feld
von Erinnerung und unvergangener Geschichte ab und leistet vielleicht so etwas
wie Traumarbeit. In der Widerwartskunst zeigt sich eine andere kulturelle
Wahrheit, nämlich dass Vergangenheit nicht so leicht überwindbar ist.
Ein ganzer Kanon historischer Positionen wirft seinen Schatten. Das romantische