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| Genie und der Erfinder des Rads geistern herum und die gestrige Gegenwartskunst ist auch schon kein besserer Geist. Das ist ein grosses Gespuke und Gemache und der Widerwartskünstler hisst sein Fähnlein und sagt: hallo, da bin ich. Gegenwartskunst ist möglich als Streitkunst von Gruppen. Der Widerwartskünstler geht keinen Kompromiss ein und kompromittiert sich. Er nimmt den anderen Widerwartskünstler eher verschwommen wahr und begreift sich im Unterschied zur Nichtkunst. Er ist der Andere zu den Nichtkünstlern, den Normalen, allein auf weiter Flur, auch wenn er bei jedem Schritt über einen Kollegen stolpert. Er hat keinen Sinn für die Normalität seiner Lage. Daher hat Widerwartskunst kein System, sie kann Gegenwartskunst nicht konkurrieren. Als fürchterlich Freier untersteht der Widerwartskünstler direkt dem gesellschaftlichen Muttersystem und wird als Gewerbetreibender geführt. Deshalb hat er aber noch lange kein besseres Verhältnis zum breiten Publikum, er lässt sich vielleicht halten von einem persönlichen Publikum, das ihn beneidet für seine Unbekümmertheit gegenüber all den lukrativen Zwängen, die es gefangen halten. Dabei ist sein amüsiertes Lächeln womöglich schon ein neurotisches Grinsen vor Anstrengung. Der Widerwartskünstler ist immer am Ende seiner Kunst. Während er Geschichten schafft, schafft ihn die Geschichte. Sein Erfolg ist auch sein Scheitern, sein Versprechen sein Versagen. Der Gegenwartskünstler rettet sich immer wieder in eine richtige Sprache, auch wenn er nur das Sprechen meint. Er redet nicht um den Brei herum - und schmiert ihn sich ums Maul. Der Widerwartskünstler balgt sich quijotesk (?) durch die Totalität falscher Sprache. Der Gegenwartskünstler endet vielleicht als Geliebter, der Widerwartskünstler ist ein Liebender, ein spezialisierter Dilettant und unblutiger Amateur. Wäre er nur ein besserer Liebhaber. Und die Zukunft? Sie liegt fest in der Hand von Meteorologen, die sich wie Wettermacher gebärden. Wichtig ist, dass das Wetter morgen besser ist, dann muss es übermorgen noch besser sein, oder dann sind die Schäfchen im Trockenen. Soll sich da der Künstler in der Handhabung von Meinungen kultivieren, die sich das Publikum morgen zu eigen machen wird? Sind die Folgen der Grund, ist die gewünschte Wirkung die Ursache, bei Vernachlässigung möglicher Nebenwirkungen? Jedes Kind weiss es: Bildende Kunst bedeutet Kreativität. Doch diese Wahrheit ist müde geworden. Die Kreativen sitzen heute wo anders, vielleicht in zweifelhaften Positionen. Der Künstler, ob als Gegenwartskünstler oder Widerwartskünstler, kommt immer hinten drein (Arrièregarde). Er schafft die Vorurteile nicht aus der Welt, aber er verschiebt sie um ein Stück. Er ist ein Revisionist. Das klingt harmlos. Aber denken Sie nur, wenn man damals Schickelgruber an der Kunstakademie aufgenommen hätte, der Welt wäre vielleicht Hitler erspart geblieben. Christoph Storz, Aarau / Bangalore 1. 8. 96 |