Samuel Herzog

Stefan Banz im Museum für Gegenwartskunst Zürich
Bis 19. März 00.

Er lebt das Ideal der Kleinfamilie, präsentiert die Schnappschüsse seiner Kinder aber in riesigen Formaten und drängt uns damit in die Rolle von Voyeuren - ob wir nun wollen oder nicht.
Beängstigend blitzt uns die Spange aus dem feuchten Kinderschlund entgegen, dazu da, dem noch formbaren Kiefer den rechten Schwung zu verpassen. Und schon sind wir mitten drin im Banzschen Kleingartenuniversum, das derzeit im Zürcher Museum für Gegenwartskunst inszeniert ist. Und wer passte wohl besser in ein «Migros Museum» als ein Künstler, der wie Stefan Banz (1961) seit Jahren das Ideal der kleinbürgerlichen Familie lebt und dieses Umfeld aus Kinderspässchen und Zoobesuch, Trottinett und Streit mit dem Nachbarn zum Thema seiner Arbeit gemacht hat. Das «Kieferfoto», das hier ganz am Anfang der Schau in einem überdimensionierten Rahmen präsentiert wird, erinnert in seiner Intimität an jenes Bild, das Banz 1994 vielleicht berühmt, ganz sicher aber berüchtigt gemacht hat: Ein kleines Mädchen, das nackt in der wasserlosen Badewanne liegt und den Fotografen anstarrt, dessen Fuss, abgestützt auf dem Rand der Wanne, gerade noch zu sehen ist.
Dieses Bild, das als Foto in einem Erinnerungsalbum vollkommen harmlos wäre, bekommt in Postergrösse und präsentiert in einer Ausstellung für ein unbekanntes Publikum etwas Anrüchiges. Es zwingt uns in eine Art Komplizenschaft mit dem Künstler: Er, der Exhibitionist seiner intimsten Familienmomente und wir, die freiwilligen oder auch unfreiwilligen Voyeure dieser Szenen, wir passen gut zusammen.
Auch die zu einem grossen Teil neueren Fotos und Videos, die Banz nun in Zürich zeigt, funktionieren nach ähnlichem Prinzip: Ob wir nun sein Töchterchen in einer grossen Videoprojektion dabei beobachten wie es einen Finger in eine Glasphiole schiebt, ob wir den Sohn unter der Gartendusche schaudern sehen oder unter ein rotes Röckchen blicken, stets ist da eine Zweideutigkeit am Werk, die durch die Nachbarschaft mit Fotos von Rhabarberstengeln oder Bambis im Wald keineswegs gemildert wird...
Ist es der Künstler, der hier die Regeln der Dezenz verletzt? Haben wir es mit einem Tabubruch zu tun? Doch um ein Tabu welcher Art soll es gehen? Sicher ist es nicht nur die Grösse der Fotos, die Gulliverhaftigkeit dieser Kinder, ihr Auftritt im Weltformat der Werbung, die unsere Empfindungen durcheinanderbringt: Es ist auch dieser an Nobuyoshi Araki erinnernde Blick, der alles latent sexualisiert und uns zu symbolisierenden Leistungen beinahe zwingt. Hat Araki - wie manche sagen - einen «Exotenbonus», der unsere Wahrnehmung seiner gefesselten Geischas verändert, dann kann man im Fall von Stefan Banz vielleicht von einem «Familienvaterbonus» sprechen.
Denn es wirkt doch ziemlich befremdlich wenn der Künstler versichert, es spiele keine Rolle, dass es ausgerechnet seine Familie sei, die in diesen Bildern auftrete. Zeigte er nämlich fremde Kinder in dieser Weise, dann müsste er die Rolle des Voyeurs, die er nun uns aufdrängt, selbst übernehmen. Gerade darin jedoch, dass er unseren Blick sosehr in Verlegenheit bringt, liegt das Problem und auch die Brisanz dieser Arbeit. Bis 19. März. Katalog.

Text erschienen im Kunst-Bulletin 3-2000