24.8.2001 < voriger Tag | nächster Tag >
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Der grosse Freitag
Ergriffene Kommentare von verschiedensten Beteiligten / Filmsets in Binningen am Abend - Nervosität breitet sich aus / Zu den Hüttchen werden 5 Zelte aufgestellt, um alle unterzubringen / 50 Anmeldungen zum Essen / Haimo und Martin wieder zurück / öffentliche Präsentation des Projektes von Manuela Eichenberger, Andrea Saemann und Annina Zimmermann auf einem schwankenden Strohballen / heutige Mitarbeiterin des Tages: Andrea Zimmermann

Mitarbeiterin des Tages: Andrea Zimmermann
Einen Anteil meiner Aufgabe hier im Foyer mache ich schon immer: Ich bin in der Funktion der "älteren Schwester" für Annina Zimmermann hier, um ihr, allein schon mit meiner Präsenz vor Ort, den Rücken freizuhalten. Das Kochen habe ich bereits während eines Spielplatzprojektes für 40 Leute über dem Feuer erprobt. Ich wusste also genau, dass ich diese Aufgabe bewältigen kann ohne mich dabei aufzuregen.
Ich gebe ganz klar auch meine Vorstellung hier. Ich veröffentliche nur einen ganz kleinen Teil meiner Persönlichkeit, meiner Kenntnisse und meiner Vorlieben, den ich aber sehr gerne manchmal auslebe. Der Teil, der hier zum Tragen kommt, ist ein registrierender und versorgender. Ich versuche zu orten, was die Einzelnen brauchen, um sich wohl zu fühlen. Nach einer Woche hier merke ich, wie stark ich meine eigenen Bedürfnisse zurückstelle, z.B. keinen Hunger mehr habe - und so ist es gut, nicht immer hier zu sein. Ich bin noch dieses Wochenende hier - auch weil der Druck auf Annina an diesem Eventwochende stark ansteigt und ich ihr Sicherheit geben möchte - und dann bin ich am letzten Wochenende noch einmal da.
Am Anfang im grossen Provisorium war meine Anwesenheit besonders wichtig. Ich habe über dem Feuer gekocht und am Elementaren gearbeitet.
Um mich zurück zu ziehen, bin ich in den Wald gegangen. In meinem Hüttchen habe ich nur nachts geschlafen, tagsüber finde ich es dort zu heiss.
Das Foyer finde ich wunderschön. In der Planung war ich in erster Linie wegen der Wetterfestigkeit noch sehr skeptisch. Jetzt, da das Wetter mitspielt, gefällt mir das halböffentliche Leben im Freien, das Gespräch, auch mit den Passanten.
Für mich ist es fremd, lustig und spannend, mehr Kontakt zu dieser "Spezies Künstler", die ich schon besonders finde und die in meinem Leben sonst nicht vorkommt, zu haben. Ich kann verfolgen, wie gearbeitet wird, wie sie sich bewegen, Ideen entstehen und ausgebaut werden und ins Gespräch kommen.
Ich denke, es ist alles da, was man braucht, ich könnte auch mit weniger, aber wenn es da ist, finde ich es ganz gut. Die Gewohnheiten der Menschen, der Lebensstandart, der gepflegt wird, machen Luxus dann doch wieder praktisch.
Was mich wirklich positiv überrascht hat, ist die gute Stimmung hier, die Gespräche, die Stärke des Zusammenseins. Es gab für mich ein starkes Gruppengefühl und zu Hause hat mir das und die Gespräche am Abend richtig gefehlt.

Kommentar zur Rede von Manuela Eichenberger, Andrea Saemann und Annina Zimmermann
von Lisa Fuchs übertragen von Chris Regn
Ein politischer Kraftakt - die Kunst macht es möglich
Im gut gefüllten Innenhof des Margarethengutes standen die drei Damen schaukelnd vorne und hielten ihre Ansprache. Das ganze Projekt fasziniert mich: Vor allem wegen des Gestus, den es aufweist, und der politischen Dimension, die es erfordert.
Drei Schlafgemeinden (Wohngegenden) setzen sich an einen Tisch - und dafür ein, -mit der Unterstützung des Kantons, -gemeinsam, -ein grösseres Kunstprojekt, -das sich in der gut bürgerlichen Agglomeration abspielt, auszuschreiben und durchzuführen. Für mich ist das eine Sensation - das Zentrum des Ganzen!
Bei einem Kuratorenwettbewerb entscheiden sie sich für einen vorgeschlagenen, experimentellen, prozesshaften, die Beteiligung der Gemeinden einfordernden Beitrag. Die Vorurteile schätzen diese Gemeinden als sehr konservativ!
Dieser setzt sich auch noch mit den besonderen Besiedelungssituationen in dieser prominenten Gegend auseinander, spielt in den Anwesen der Bewohner mit den Projektionen der Spaziergänger und installiert ein 6 wöchiges Camp unübersehbar an der Promenade hinter den Häusern.
Und die Verantwortlichen, aus den Kunstvereinen der drei Gemeinden, sind spürbar, und mit Herzblut dabei, und haben sich tatsächlich auf diesen Prozess eingelassen.
Gratuliere!

Muda Mathis und Sus Zwick: "11001 Jungfrauen"
ein Erlebnisbericht von Bax, verfeinert von Broll
Um zehn Uhr, als die Türe des Margarethenparks sich öffnet, gibt es den Hinweis, die Spazierwege während des Geschehens nicht zu verlassen, aber umherzugehen:
die Performance beginnt im Dunkel... Gespannte, ahnungslose Menschen gehen wie die Lemminge fast blind in eine Richtung. Licht und Geräusche erzeugen eine überraschende, knisternde Spannung. Die Menge (um die 300 Personen!) hält inne und versucht, sich in der Kulisse aus Ton und wechselnden Lichtschauplätzen zurecht zu finden. Dichtgedrängt stehen alle und untersuchen jedes Geräusch. Ist das eine sich anbahnende Aktion oder vorproduzierter Ton? 20 Minuten mit Knack- und Knisterlauten, Wolfsheulen und einer collagiert erzählten Geschichte zur heiligen Ursula, Margarethe und den 11001 Jungfrauen. Dann ein lauter Donner und Bewegung in den Büschen. Schemenhaft glaubt man im Dunkel helle Gestaltenschatten zu erkennen. Da strahlen einzelne, weisse Kegel, die Nachtlandschaft grün, es passiert etwas, weisse Figuren erscheinen.
Nur beim Verlassen und Umschiffen des zähen, fest positionierten Publikumsbüschels ist es möglich, die einzelnen, jeweils nur kurz, ausschnittsartig erleuchteten Lichtstationen mit einer Art "lebender Bilder" unabhängig zu besuchen. Tragische Erzählung, ein Kostümfilm, leichtes Neigen des Kopfes hier, grosse Gesten da, manchmal eine Gruppe - die Positionen wechseln, einige Stellungen sind sehr komisch, einige Darstellerinnen auch. Hier und da erscheinen gepeinigte Jungfrauen im gleissenden Licht und stellen Martyrium und Qualen... die Geschichten nehmen ihren Lauf... Tragik und Ironie des erzählten Schicksals vermischen sich im Nächtlichen mit dem Dargestellten... nach dem tosenden erzählerischen Höhepunkt, dem grausamen Tod der letzten Jungfrau... die Erlösung jetzt für alle: ... ein gleissendes Stroboskoplicht... das Glockengeläute des Margarethenkirchleins... die Jungfrauen treten aus ihrer Abgeschiedenheit mit einer Kugellampe, die heiligenscheinmässig ihr Gesicht beleuchtet, auf die Wege, um rückwärts - wie bei der Heimholung der Aliens in das Ufo - einen gespenstischen Zug nach oben anzutreten. Mag es die gemeinsame gespannte und jetzt erlöste Stimmung sein - alle folgen dem Zug zu den Glocken in einer Art spontanen, religiösen Kundgebung: die Seelen der Jungfrauen fliegen zum Licht und die Lemminge folgen ihnen... in der Hoffnung auf das ewige Leben???
Markus Müllers Kommentar:
Die Dramaturgie des Abends fand ich sehr gekonnt aufgebaut. Zuerst versammelte sich im Innenhof der Margarethenhügelgebäude eine grosse, sehr durchmischte Menge von Kunstpublikum und Leuten aus den Gemeinden und der Stadt aller Altersschichten. Nach verschiedenen Ansprachen über das Projekt, zu Renatus Zürchers Installation "Sandweg und Velte - eine Räubergeschichte" und zu Muda Mathis und Sus Zwick Performance "11001 Jungfrauen" flossen die Leute - fast schon wie die in Renatus Zürchers Arbeit relevante - Horde Polizisten den Margarethenhügel hinunter. Im nahen Wäldchen des Margarethenparks wurde nach den 11001 Jungfrauen nicht direkt gesucht, aber doch klar erwartet. Durch farbiges Licht und Ton wurde die Menge sachte in die Geisterbahn hineingeschleust. Die Spannung wuchs während der ersten Viertelstunde in der sich Präsenz ankündigte aber nicht zeigte. Unterwegs ergab sich eine seltsam gesellige Stimmung im Publikum. Die Erscheinungen mit Jungfrauen mischte sich mit dem Spiel unter den Besuchern.

Wen man trifft und wen man in der Dunkelheit erkennt und was die Anderen sahen und ob diese Jungfrau vielleicht nochmals so doof dreinschaut - aber nein. Niemand sah dasselbe nur vielleicht etwas Ähnliches - bis die nächtliche Filmschnulze mit den Kirchenglocken beendet wurde. Auf dem Weg hinauf zum Bauernhof schnitt sich der Scheinwerfer des Falles Sandmann und Velte mit dem Kirchgang der Jungfrauen und bereits kam der erste aus dem Wäldchen zurück und erzählte, er sei der Spur von Sandmann und Velte gefolgt, habe aber am Ende gar nichts gefunden. Das habe vermutlich noch nicht begonnen. Ich machte mich auch auf den Weg und am Ende der Spur sassen Leute auf einer Bank und sagten, doch, doch, das sei die digitale Uhr dort, die auf den Zeitpunkt des Todes der beiden verweise. Dann hörte ich dumpfes Knallen und kehrte erleichtert zurück, weil ich gewissermassen etwas gefunden hatte.
Unterwegs auf dem Rückweg war der Wald noch ziemlich voll von Leuten, die entweder von den Jungfrauen zurück gekommen sind oder noch auf die Suche von Sandmann und Velte gingen. Mir wurde ein Bier und Brot an der Bar angeboten. Nebenan unter dem gleichen Dach konnte ich eine S8 Projektion des Brückenweges ansehen und ein Dia mit Fotos von Sandmann und Velte hinter eines mit Kopfhörern versehenen Hörtableaus für eine Toninszenierung. Dort hörte ich mir die Zeitzeugenberichte an. Die so schön gemischte Menge machte leider nicht so richtig Gebrauch von der Kriminalbar.
Die Installation von Renatus Zürcher ist auch noch am Samstag, 25. August 2001 ab 21h auf dem Margarethengut zu sehen!